Wirtschafts- und Sozialstruktur

Einleitung

Der Umbruch in der Arbeits- und Sozialstruktur beginnt mit dem zweiten Weltkrieg. Während des Krieges - die meisten Männer waren eingezogen - sind es die älteren Männer, die Frauen, die Kinder und zugewiesene Zwangsarbeiter, die in den landwirtschaftlichen Betrieben die notwendigen Arbeiten verrichten. Nach dem Kriegsende sind viele der zum Militär eingezogenen Männer noch in Kriegsgefangenschaft oder im Krieg gefallen. Dafür kommen Heimatvertriebene bzw. Flüchtlinge ins Dorf. Trotzdem gelingt es zunächst, die alten bäuerlichen Strukturen wieder herzustellen, die dann bis in die 50er Jahre das Dorf prägen.

 

Nüstenbach in der Mitte der 50er Jahre

Die meisten Arbeitsplätze bieten die mehr als zwei Dutzend landwirtschaftlicher Betriebe. Einigen wenigen Vollerwerbsbetrieben stehen viele Nebenerwerbsbetriebe gegenüber; wobei die Landwirtschaft in Nüstenbach ein mühseliges Geschäft ist. Die Wege zu den wenig ertragreichen Ackerflächen sind weit; zudem sind die Flächen auf Grund der hier herrschenden Realteilung stark zersplittert, was die Bewirtschaftung zusätzlich erschwert. Die Talflanken können nur zur Heugewinnung bzw. als Streuobstwiesen genutzt werden. Die größeren Landwirte haben Pferde als Zugtiere. Bei den anderen sind Kühe Zugtiere für Wagen, Pflug und Egge, liefern Milch und sorgen auch noch für Kälber. In den folgenden Jahren werden der Traktor und der "Agria" die Zugtiere ablösen. Neben den Bauern gibt es Handwerker wie Schmied und Wagner, zwei Gastwirtschaften ("Stadt Mosbach" und "Ochsen"), einen Gemischtwarenladen und eine Poststelle. Auch diese Einrichtungen werden häufig im Nebenerwerb betrieben, z. B. im Zusammenhang mit einer kleinen Landwirtschaft. Gut mit einer kleinen Landwirtschaft zu vereinbaren ist auch die Arbeit im Wald, die ja vor allem im Winter anliegt, wenn die Arbeit auf Wiesen und Äckern ruht. Die bäuerlichen Familien haben meist auch eigenen Wald. Wer keinen oder wenig Wald hat, bekommt die sogenannte Bürgergabe (2 Ster Holz) oder ist auf Leseholz angewiesen. Nur wenige verdienen ihren Lebensunterhalt vollständig außerhalb des Dorfes, z. B. im Baugewerbe. Im Dorf ist ein Gipser- und Malerbetrieb ansässig, die Zunft der Freischaffenden wird durch einen Architekten vertreten.

Die kleineren Kinder besuchen den örtlichen Kindergarten, die großen die Dorfschule. Dort werden um die 40 Kinder aus 8 Klassen von einem Lehrer unterrichtet - eine Vorstellung, die heute jedem Pädagogen Schweißausbrüche und Alpträume beschert.

In die Stadt muss man nur für Besorgungen, die über den täglichen Bedarf hinausgehen, für Behördergänge und wenn Arzt oder Apotheker gefragt sind. Wer nicht zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren kann oder will, ist auf den Omnibus angewiesen, der allerdings sehr selten fährt. Eine Zeitlang war es auch möglich, mit dem Postauto mitzufahren. Private Kraftfahrzeuge gibt es nur ganz wenige - ihre Zeit beginnt erst einige Jahre später. Im Betrachtungszeitraum wäre ein umfangreicher Kraftfahrzeugverkehr auch straßentechnisch nicht zu realisieren gewesen, denn die Straßen in Richtung Mosbach und Reichenbuch waren nur einspurige Schotterpisten mit Ausweichstellen. Die heutige zweispurige Straße mit festem Straßenbelag Richtung Mosbach wurde erst 1959 gebaut. Der Ausbau Richtung Reichenbuch - insbesondere im Bereich der Kurven - erfolgte noch später.

Nachrichten bringen der Rundfunk (damals noch der Süddeutsche Rundfunk) und zwei Tageszeitungen: Rhein-Neckar-Zeitung und Mosbacher Zeitung (Ableger des Heidelberger Tagblattes). Für die örtlichen Neuigkeiten gibt es diverse Kommunikationszentren: Gemischtwarenladen und die beiden Dorfwirtschaften, aber auch die Kirche und das Milchhäusle. Offizielle Verlautbarungen verkündet der "Ausscheller", der dann - meist gefolgt von einer Kinderschar - durchs Dorf zieht und zum Beispiel auftragsgemäß mitteilt, dass am nächsten Abend das "Lichtgeld" (die Stromrechnung) zu zahlen ist.

Telefonanschlüsse haben Seltenheitswert: Wer telefonieren muss oder angerufen werden will, regelt das über die "öffentliche Sprechstelle" im Wohnzimmer der Posthalterin.

Die Dorfbewohner sind noch im Wesentlichen unter sich: Zugezogene spielen zahlenmäßig keine große Rolle und werden in der Regel schnell ins Dorfleben integriert. Die Menschen sind fast ausnahmslos evangelisch; die Dorfkirche ist für sie das Zentrum des religiösen Lebens. Die wenigen katholischen Familien werden von Mosbach aus betreut; wobei aber die Dorfkirche für alle Bewohner ohne Rücksicht auf die Konfession eine wichtige Funktion hat: Der viertelstündliche Glockenschlag, das 11-Uhr- und das Abendläuten helfen bei der Gestaltung des Tagesablaufs; außerdem hat die kleinere  der beiden Glocken auch die Funktion, die Bevölkerung bei Feuer zu alarmieren.

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Nüstenbach heute

Die Landwirtschaft spielt im Erwerbsleben nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Landwirtschaftliche Tätigkeiten haben häufig "Hobbycharakter" oder stehen im Zusammenhang mit der Landschaftspflege. Im Dorf gibt es einige wenige Arbeitsplätze in der Gastronomie und in einem Maschinenbaubetrieb. Ansonsten wird grundsätzlich außerhalb gearbeitet. In Nüstenbach wird in der Hauptsache nur noch gewohnt, und die Berufe der Bewohner haben keinen Bezug mehr zum Dorf. Kindergärten und Schulen sind in der Stadt, wo auch eingekauft wird. Dafür ist es einfacher geworden, dorthin zu kommen: Erstens gibt es praktisch in jeder Familie ein Kraftfahrzeug, mit dem man in wenigen Minuten am Ziel ist. Bedingt durch den Schülerverkehr sind die Busfahrpläne an (Schul-) Werktagen recht engmaschig. Während der Ferienzeiten verkehren die Busse seltener - am Wochenende gar nicht. Dann ist man auf das sogenannte Ruftaxi angewiesen.

Von den öffentlichen Einrichtungen ist nur noch die Kirche vor Ort, auch wenn sie - dem allgemeinen Trend folgend - an Bedeutung verloren hat. Die Dorfgasthäuser in der alten Form gibt es nicht mehr. Dafür hat sich der Landgasthof "Zum Ochsen" einen guten Ruf bei den Feinschmeckern der Region erworben, und das Café Haaß schließt im Hinblick auf Familienfeiern eine Marktlücke, lädt Spaziergänger zu einem gemütlichen Ausklang ihrer Wanderung ein und bietet Übernachtungsmöglichkeiten.

Nach wie vor prägen die Veranstaltungen der Nüstenbacher Vereine das gesellschaftliche Leben, die insbesondere von Gesangverein und Tischtennisverein initiiert werden.

Die Einwohnerstruktur ist vielfältiger geworden; die Zuzüge sind aber überschaubar, und viele der Zugezogenen bringen sich in das dörfliche Leben ein. Ein Wermutstropfen stellt allerdings die Abwanderung vieler junger Menschen dar. Dies trifft insbesondere auf die zu, die Nüstenbach zunächst während Ausbildung bzw. Studium verlassen haben und dann am Studienort oder anderenorts bleiben, z. B. weil sie dort familiäre Bindungen eingegangen sind oder sich bessere berufliche Chancen versprechen.

Die modernen Medien haben auch in Nüstenbach Einzug gehalten und gleichen so manchen Nachteil gegenüber dem Wohnen im städtischen Bereich aus. Bei Nachrichten spielt die Entfernung keine Rolle mehr, und das Kommunizieren wird immer preiswerter. Darüberhinaus kann das Einkaufen über das Internet fehlende Einkaufmöglichkeiten vor Ort und in der Region ersetzen und führt so zu einer Aufwertung des ländlichen Raumes.

Hier geht es zu historischen Postkarten aus Nüstenbach

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